Nachruf Markus Riebe (1955–2025)

Ein Wegbereiter der digitalen Kunst in Österreich

Mit großer Betroffenheit nimmt die oberösterreichische Kunstwelt Abschied von Markus Riebe, der am 20. Oktober 2025 im Alter von 70 Jahren verstorben ist. Mit ihm verlieren wir nicht nur ein langjähriges und engagiertes Mitglied des OÖ Kunstvereins, sondern eine Schlüsselfigur der österreichischen Digitalkunst – einen Pionier, der früh erkannte, dass Kunst und Technologie gemeinsam neue Erfahrungsräume erschließen können.

Schon in den 1980er Jahren erforschte Riebe das Potenzial digitaler Bildwelten. Er war einer der ersten Künstler in Oberösterreich, der den Computer nicht bloß als technisches Werkzeug, sondern als eigenständiges Medium verstand – als Denkraum, als Matrix, in die sich Ereignisse, Atmosphären und Bewegungen einschreiben lassen. Ausgehend von der Malerei und dem Hyperrealismus begann er, fotografische Hintergründe und Oberflächen mittels der damals erstmalig zur breiten Verfügung stehenden Rechner wie Commodore 64 und Amiga zu modifizieren und daraus neuartige Bildnarrationen entstehen zu lassen. In der Tradition internationaler Vorreiter wie Roman Verostko (USA) oder Yoichiro Kawaguchi (Japan) nutzte Riebe Code und Algorithmen, um Wahrnehmung und Simulationen selbst zum Thema zu machen: Bilder sollten nicht nur betrachtet, sondern gedacht und erlebt werden.

Besonders eindrücklich manifestiert sich dieses Anliegen in seinen Lentikulardrucken. Durch animative Schichtungen erzeugte Riebe ein bewegtes Bild, das erst durch die Bewegung der Betrachter*innen lebendig wird. Die Interaktion – das Hin- und Hergehen, das Fokussieren, das bewusste Schauen – wird Teil der Komposition. Raum entsteht im Akt des Betrachtens. Das Bild bleibt Momentaufnahme und Bewegung zugleich.

Seine Ausstellungsbeteiligung bei Cytolon’s Whisper im OÖKunstverein im Rahmen des Ars Electronica Festivals 2023 war bedeutend, da es Markus Riebe war, der diese Ausstellung initiierte und dafür viele Anstrengungen auf sich nahm, um Yoichiro Kawaguchi nach Linz zu holen. In Zusammenarbeit mit der Ars Electronica, Manuela Naveau (OÖKV) und den Künstler*innen Sofia Talanti (IT) und Yoichiro Kawaguchi (JP) realisierte Markus Riebe eine Ausstellung, die sich der kleinsten Einheit des Lebens widmete: Zellen als sich permanent wandelnde Partikel. Gemeinsam entstand ein dynamischer Simulationsraum, in dem Realität und Imagination, Körper und Umwelt, Wahrnehmung und Bewegung ineinandergriffen. Riebe zeigte: Veränderung ist kein Effekt, sondern Grundzustand.

Markus Riebe wurde 1955 in Gmunden geboren und wuchs in Linz auf. Nach seinem Studium an der Kunstuniversität Linz, das er 1979 abschloss, richtete er 1986 in Gallneukirchen eines der ersten österreichischen Ateliers für computergestützte Kunst ein – ein Schritt, der ihn früh international sicht- und wirksam machte. Seine Arbeiten wurden bereits 1992 u. a. bei der Siggraph Artshow in Chicago als auch (bei der damals erst dritten) ISEA in Sydney präsentiert. Er stellte weltweit aus, wurde durch Kunstpreise ausgezeichnet und war mehrfach beim Ars Electronica Festival eingeladen. 

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit war Riebe auch Lehrer, Vermittler und Kulturpolitiker. Er prägte über Jahrzehnte die Kunsterziehung in Oberösterreich, war in Kulturbeiräten aktiv und arbeitete mit Museen und Bildungseinrichtungen zusammen. Sein Engagement galt stets dem Zugang zur Kunst – nicht als abgeschlossenem System, sondern als offenen Prozess, der Menschen verbindet und sensibilisiert.

Sein Werk ist in wichtigen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten und selbst der Verlust großer Werkbestände durch das Hochwasser 2000 oder persönliche Tiefschläge hinderten ihn nicht daran, weiterzuarbeiten.

Mit Markus Riebe verliert die Kunstwelt eine prägende Stimme. Sein Vermächtnis liegt im Denken von Kunst und Technologie als lebendigem, sich entfaltendem Raum: in der Verbindung von Form und Code, von Wahrnehmung und Bewegung, von Algorithmus, Bild und Betrachtenden.

Er hat diesen Raum auf seine Weise geöffnet. Er bleibt.